{"id":323,"date":"2013-02-09T17:02:51","date_gmt":"2013-02-09T17:02:51","guid":{"rendered":"https:\/\/radhe-syama.ch\/wordpress\/?p=323"},"modified":"2013-02-09T17:05:06","modified_gmt":"2013-02-09T17:05:06","slug":"entschleunigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/radhe-syama.ch\/wordpress\/entschleunigung\/","title":{"rendered":"entschleunigung"},"content":{"rendered":"<p>Schnee f\u00e4llt und \u00fcberzieht das ganze Land mit einer weissen Decke. Sei es nun ein stiller Waldweiher oder gesch\u00e4ftige Verkehrswege. Der Schnee bedeckt alles, ohne jegliche R\u00fccksicht auf unser beschleunigtes Leben in der Stadt, das keine Hindernisse auf dem Weg zum Erfolg, zum Ziel dulden will.<\/p>\n<p>Strassen, Schienen, Br\u00fccken und Tunnels \u2013 alles ist darauf ausgerichtet, dass wir vorw\u00e4rts kommen, und zwar so schnell wie irgend m\u00f6glich. Die technisierte Menschheit setzt alles daran, die t\u00e4glichen Abl\u00e4ufe zu beschleunigen. Beschleunigung ist das Wort, das wir kennen, dem wir oft begegnen. Entschleunigung t\u00f6nt eher ungewohnt, wird nicht oft benutzt. Seit Menschengedenken wird Fortschritt mit Schnelligkeit gekoppelt. Man will nicht nur \u201cfortschreiten\u201d, sondern schnellen Fortschritt machen \u2013 in allen Lebensbereichen, sei es im Berufsleben oder in der Freizeit.<\/p>\n<p>Vielleicht sagt uns ein Urinstinkt, dass unsere Zeit beschr\u00e4nkt ist und wir uns deshalb beeilen m\u00fcssen, um m\u00f6glichst viel \u201cLebzeit\u201d in unsere gegebene Zeitspanne hineinzupacken. Je schneller wir eine Sache erledigen k\u00f6nnen, desto mehr Zeit bleibt f\u00fcr die anderen Dinge \u00fcbrig. Die notwendigen Sachen wollen wir schnell hinter uns bringen und die Dinge, die wir um des Genusses willen tun, sollen mehr Zeit in Anspruch nehmen k\u00f6nnen. Das ist der Plan. Doch sobald wir uns zur\u00fccklehnen und geniessen wollen, kommen Gedanken auf, die uns bef\u00fcrchten lassen, dass es woanders noch etwas Genussvolleres geben k\u00f6nnte \u2013 und eine gewisse Unruhe breitet sich in uns aus. Man k\u00f6nnte doch schnell noch etwas anderes ausprobieren, noch schnell einen anderen Ort auschecken&#8230; Und so geschieht es oft, dass unsere \u201centspannte\u201d Freizeit noch gehetzter, noch beschleunigter wird als unser Berufsalltag.<\/p>\n<p>Doch dann f\u00e4llt hin und wieder der Schnee vom Himmel. In dicken Flocken f\u00e4llt er \u00fcber das Land und die Stadt und fliesst nicht einfach in den n\u00e4chsten Gulli, wie der Regen. Nein, er bleibt frech und r\u00fccksichtslos liegen und macht Strassen und B\u00fcrgersteige glitschig. Schlagartig wird der gesamte Verkehrsablauf entschleunigt und eine ged\u00e4mpfte Ruhe legt sich \u00fcber die gewohnte Hektik. Vorsichtig und im Schneckentempo kriechen die Autos hintereinander her. Keiner wird mehr ungeduldig und jeder ist froh das Abenteuer des Heimweges ohne Blechschaden zu \u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Fussg\u00e4nger balancieren mit ihren mehr oder meist weniger schneetauglichen Schuhen auf den Trottoirs umher und halten sich fest, wo es was zum Halten gibt. Und irgendwie macht es den Eindruck, als w\u00fcrden die Menschen diese Situation geniessen oder sich zumindest nicht sehr dar\u00fcber \u00e4rgern. Es trifft alle gleichermassen, alle werden gemeinsam entschleunigt und es tut allen wohl. Alles wird mit einer reinen weissen Schicht \u00fcberzogen, die Ger\u00e4usche werden ged\u00e4mpft und trotz aller Beeintr\u00e4chtigung des gewohnten Ablaufs finden praktisch alle Menschen den Schneefall sch\u00f6n und herzerw\u00e4rmend.<\/p>\n<p>Vielleicht deshalb, weil die schneebedingte Entschleunigung so etwas wie eine \u201cautomatische\u201d Zunahme von <em>sattva<\/em> erzeugt. <em>Sattva<\/em> wird in Indien das Ausgeglichene, Ausgewogene, Bed\u00e4chtige, Tugendhafte genannt und so erzeugt <em>sattva<\/em> Gelassenheit, Ruhe und Zufriedenheit. Die hektische, leidenschaftliche Umtriebigkeit <em>(rajas)<\/em> weicht \u2013 gezwungenermassen \u2013 der gelassenen Ruhe. Eine unkonzentrierte Bewegung am Steuerrad kann den Wagen ins Schleudern bringen, ein unachtsamer Schritt kann einen unsanft zu Boden schicken. So ist ein jeder pl\u00f6tzlich von Achtsamkeit erf\u00fcllt und geht seinen Weg ruhig und bed\u00e4chtig, die Gedanken auf den n\u00e4chsten Schritt gerichtet, ganz im Augenblick anwesend.<\/p>\n<p>Das ist Meditation! Und der Schneefall bringt diese meditative Stimmung mit sich, zumindest einen Ansatz davon. Erkennt man, dass die sch\u00f6ne Stimmung einer tiefverschneiten Stadt von der daraus resultierenden Entschleunigung herr\u00fchrt, kann man sich bewusst an die Aufgabe machen, das eigene Leben, da, wo es m\u00f6glich ist, zu entschleunigen. Sich bewusst dar\u00fcber werden, dass man sein Leben nicht mit m\u00f6glichst vielem auff\u00fcllen muss um ein sogenannt erf\u00fclltes Leben zu haben, sondern mit wenigem, m\u00f6glichst tief Erlebtem. Das k\u00f6nnten wir vom tiefverschneiten Winter lernen und uns ein wenig von dieser ged\u00e4mpften Ruhe bewahren, wenn der Fr\u00fchling mit seiner emsigen Gesch\u00e4ftigkeit wieder ins Land zieht&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schnee f\u00e4llt und \u00fcberzieht das ganze Land mit einer weissen Decke. Sei es nun ein stiller Waldweiher oder gesch\u00e4ftige Verkehrswege. Der Schnee bedeckt alles, ohne jegliche R\u00fccksicht auf unser beschleunigtes Leben in der Stadt, das keine Hindernisse auf dem Weg zum Erfolg, zum Ziel dulden will. 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